Sonntag, 3. November 2013

Fukushima und kein Ende

02.11.2013 09:31

Tickende Zeitbombe Fukushima

Der Reaktor Daiichi ist außer Kontrolle

Von Diana Sierpinski
Verstrahltes Regenwasser, ausgetretener Dampf, gefährliche Strahlungsdosen - beinahe täglich erreichen uns neue Hiobsbotschaften aus der Atom-Ruine Fukushima. Jede neue Panne nährt die Zweifel, dass die Tepco-Chaostruppe die Lage in den Griff bekommt. Experten warnen vor dem "gefährlichsten Moment der Menschheit".
Eine Kamera, die auf die harte Gamma-Strahlung reagiert, hat dieses Foto im Reaktor 3 gemacht.

Die Lage ist ernst im AKW Fukushima. Seit zweieinhalb Jahren kämpft die Tokyo Electric Power Company (Tepco) damit, die Überreste der Atomanlage Daiichi zu kühlen. Doch das gelingt eher schlecht als recht. Allein in den vergangenen Wochen musste Tepco zahlreiche Pannen einräumen. Zuletzt liefkontaminiertes Regenwasser aus einem Dutzend Auffangbecken, stieg die atomare Strahlung wieder drastisch an und im Meerwasser vor einem der Reaktoren wurden die höchsten Werte seit zwei Jahren gemessen. Durch Bauarbeiten wurde verseuchte Erde ins Wasser gespült. Am 9. Oktober kamen sechs Arbeiter mit radioaktivem Wasser in Berührung, weil ein Mitarbeiter versehentlich ein Rohr abgetrennt hatte und sieben Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser ausliefen.

Die jüngsten Hiobsbotschaften aus der havarierten AKW-Ruine reihen sich ein in eine lange Liste des Versagens, die mit der Tragödie an Japans Ostküste einhergeht. Diese beginnt am Nachmittag des 11. März 2011. Weit draußen unter dem pazifischen Ozean sackt ein Stück der Pazifischen Platte ab. Das tektonische Ereignis löst in Japan ein Erdbeben der Stärke 9 aus. Doch das Schlimmste folgt erst noch. Die Erschütterungen setzen eine mächtige Wasserwand in Bewegung. Mehrere Tsunamiwellen, bis zu 15 Meter hoch, rollen auf die Küste zu und begraben über Hunderte von Kilometern das Land unter sich. 19.000 Menschen sterben bei dem Unglück.

Die Zerstörung am Atomkraftwerk ist so gravierend, dass es in Block 1 bis 3 zu Kernschmelzen kommt. Doch weder die Betreiberfirma Tepco, noch die japanische Atomaufsichtsbehörde oder die Regierung in Tokio gestehen das Ausmaß der Katastrophe ein. Noch Monate später bestreitet die Atomaufsicht Nisa, dass es zu Kernschmelzen gekommen ist. Ein Vorgang, der sogar die unzureichende Informationspolitik der UdSSR beim Reaktorunglück in Tschernobyl in den Schatten stellt.

Wachsende Berge atomaren Abfalls

Die Probleme, mit denen die rund 3000 Arbeiter in Daiichi täglich zu kämpfen haben, sind gewaltig. Die gigantischen Mengen verseuchten Wassers, die durch die zerstör te Atomanlage schwappen, sind das größte Sorgenkind. 340.000 Liter pumpen die Ingenieure jeden Tag in die beschädigten Reaktoren 1 bis 3, um die geschmolzen en Brennstäbe zu kühlen. Das Wasser kommt sauber rein und verstrahlt wieder raus.

Zudem dringen weitere rund 400 Tonnen Grundwasser pro Tag in die Gebäude ein und vermischen sich dort mit dem verseuchten Kühlwasser. Daher pumpt Tepco ständig Wasser ab und lagert mittlerweile mehr als 300.000 Tonnen kontaminiertes Wasser in rund 1000 teils hastig zusammengenieteten Metalltanks. Diese reichen jedoch bald nicht mehr aus. Die ersten Behälter beginnen bereits zu rosten und werden undicht. Fast täglich gesteht Tepco neue Lecks ein, misst hohe Strahlenwerte, ohne zunächst zu wissen, was genau die Ursache ist. Stellenweise steigt die Strahlung so stark, dass sie einen Menschen innerhalb weniger Stunden töten würde.

Flickschustereien, Vertuschungen und Schlampereien

Ein weiteres ungelöstes Problem ist, dass auf dem Gelände der Platz ausgeht. Laut Tepco waren die 412.000 Tonnen fassenden Tanks am 6. August bereits zu über 80 Prozent gefüllt. Deshalb will Tepco den Bau neuer Tanks beschleunigen und bis Ende März 2015 Platz für zusätzlich 800.000 Tonnen Wasser schaffen. Eine neu errichtete Filtrationsanlage soll das Wasser von radioaktiven Substanzen reinigen. Dabei geht Tepco davon aus, dass ein Filtersystem zur Beseitigung radioaktiver Isotopen normal funktioniert. Doch das ist nicht der Fall. Cäsium und Strontium kann sie herausfiltern, Tritium aber nicht. Behutsam wird die Öffentlichkeit darauf vorbereitet, dass man dieses verseuchte Wasser womöglich doch ins offene Meer ablassen muss. Aber auch zu dieser Verzweiflungstat scheint Tepco unfähig. Bereits kurz nach Inbetriebnahme fiel die Filteranlage immer wieder aus.

Um den andauernden Zufluss von Grundwasser zu bremsen, begann der Konzern bereits heimlich, eine unterirdische Wand um die Reaktoren zu errichten. Zu diesem Zweck wurden sich verhärtende Chemikalien in den Boden gespritzt. Tepcos Plan ging nicht auf. Wieder einmal.

Mit jeder neuen Panne wachsen die Zweifel, dass die Tepco-Chaostruppe die Krise jemals in den Griff bekommt. Viele Experten haben sowieso nie daran geglaubt. Denn Tepco macht bei weitem nicht zum ersten Mal mit Flickschustereien, Vertuschungen und Schlampereien Schlagzeilen. Bereits lange vor dem Fukushima-Gau soll das Unternehmen Wartungsdokumente und Reaktordaten geschönt haben. Pannen und Störfälle häuften sich. Ein Untersuchungsausschuss kam sogar zu dem Ergebnis, die ganze Katastrophe wäre vermeidbar gewesen.

Regierung übernimmt das Zepter

Über zweieinhalb Jahre ließ Japans Regierung Tepco ins offene Messer laufen, nahm einen Störfall nach der anderen stillschweigend hin. Erst als diverse Pannen nicht mehr zu entschuldigen waren, räumte Premierminister Shinzo Abe ein, dass Tepco hilflos überfordert sei und erklärte die Verschmutzung des Wassers medienwirksam zum "dringenden Thema". Der Vorsitzende der Atomregulierungsbehörde setzte noch einen drauf: Im Hause Tepco bestehe "wenig Bewusstsein" für das Ausmaß der Katastrophe, polterte Shinji Kinjo.

Der Zeitpunkt der öffentlichen Demontage war geschickt gewählt. Wenige Tage vor der Vergabe der olympischen Spiele verkündete die Regierung in Tokio, man werde das Krisenmanagement jetzt selbst in die Hand nehmen und 360 Millionen Euro Steuergelder zur Eindämmung des radioaktiv verstrahlten Wassers bereitstellen. Mit dem Geld soll ein gigantischer Schutzwall im Erdreich erreichtet werden, wie er auch im Tunnelbau zum Einsatz kommt. Zu diesem Zwecke sollen Rohre mit chemischen Kühlmitteln um die Gebäude der Reaktoren 1 bis 4 verlegt werden. Alles unter Kontrolle, versicherte Abe dem Internationalen Olympischen Komitee und bekam den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2020.

Kritiker sehen jedoch auch dieses Unterfangen lediglich als weiteres störanfälliges Provisorium. Das Vorhaben signalisiere einmal mehr die totale Verzweiflung der Regierung in Tokio. Sie ist der Katastrophe nicht gewachsen, bescheinigen ihr nahezu alle Experten. "Sie weiß ja nicht einmal, wo das Wasser genau herkommt", gibt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace zu Bedenken. "Die Anlage wird für Jahrzehnte, wenn nicht für Jahrhunderte strahlen. So lange müsste man den Schutzwall permanent kühlen. Das ist keine Dauerlösung."

"Gefährlichster Moment der Menschheit"

Die nächste große Herausforderung steht kurz vor der Tür. Im November will Tepco mit der Entnahme von 1300 verbrauchten Brennstäben aus dem Abklingbecken in Reaktor vier beginnen. Das Gebäude dieses Blocks ist seit dem Super-GAU und den nachfolgenden Explosionen massiv geschädigt. Ob die Statik ausreicht, ist unklar. Kritiker bezweifeln, dass Tepco in der Lage sei, ein solch gefährliches Unterfangen allein zu bewerkstelligen. Das gelte auch für die japanische Regierung.

Kernkraftkritische Experten warnen davor, dass ein Unfall dabei zu einem nuklearen Desaster unbekannten Ausmaßes führen könne. So stellte US-Umweltaktivist Harvey Wasserman eine Internet-Petition in Netz, in der die Vereinten Nationen aufgefordert werden, das Bergungsprojekt zu übernehmen. Über 100.000 Unterzeichner gibt es bislang. In seinem Artikel bezeichnet Wasserman die Bergung gar als den "gefährlichsten Moment für die Menschheit". Die Brennelemente könnten im Extremfall 15.000 Mal so viel Radioaktivität freisetzen wie die Hiroshima-Bombe vor 68 Jahren.

Andere Experten halten solche Apokalypse-Szenarien dagegen für weit übertrieben. Die Lage an Block 4 sei zwar sehr kritisch, solche Warnungen aber Unsinn, meint etwa der Chef des Öko-Instituts Michael Sailer. Falle die Kühlung der Brennstäbe aus, könne es durch Überhitzung der Elemente nach etwa einer Woche zur Freisetzung von radioaktiven Stoffen wie Xenon, Krypton und Cäsium kommen. Im Extremfall, so Sailer, wäre eine Ausbreitung der Radioaktivität wie nach dem Super-Gau im März 2011 möglich. Das wäre zwar keine weltweite, aber immerhin eine erneute regionale Katastrophe.

Mit dpa

Sigurd A.Roeber

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